Ommersheim – wie es entstand! 2017-04-10T21:52:31+00:00

Ommersheim – wie es entstand!

von Stefan Nieser

Es begab sich zur ersten Jahrtausendwende, dass der Knecht Otmar mit seinem Weib Christel und seinem kleinen Sohn Jakob auf der Suche nach einem neuen Zuhause durch das Land zog. Otmar war ein guter Bursche und Sohn eines reichen Bauern aus dem fernen Speyer. Doch wie es damals üblich war, durfte nur der älteste Sohn des Bauern den Hof übernehmen und so musste Otmar, als sein Vater gestorben war, den elterlichen Hof verlassen und mit seiner Familie sein Glück in der Ferne suchen. Schon viele schöne Flecken Land hatte Otmar seitdem gesehen, doch immer wieder zog es ihn weiter. Und wenn sie einen solchen Ort fanden, stellte Christel stets die gleiche Frage:

„Gatte, dies wäre doch eine schöne Stelle für unser Heim, sollen wir hier nicht bleiben?“

Woraufhin dieser jedes Mal mit dem gleichen Satz und dem gleichen abwesenden Blick in den Augen antwortete:

„Christel, es ist schön, ja, doch ich weiß, es wartet noch ein schönerer Platz auf uns, es gibt nur einen, an dem wir glücklich werden können – wir müssen weiter.“

Und so zogen sie weiter und weiter, bis sie in einen Ort an der Blies kamen, in welchem sie einen verarmten Mönch trafen, welcher blind und schmutzig vor einer Gaststätte saß und seine knotige alte Hand ausstreckte, um Almosen zu erbetteln.

Otmar sah ihn und suchte in seiner Tasche nach Geld, doch er war nicht reich und so nahm er sein letztes Stück Käse und brach es in zwei Hälften. Geschwind kletterte er von seinem Kutschbock herunter und ging zu dem Bettler hinüber, der mit seinen blinden, weißen Augen den Weg des jungen Mannes verfolgte. Otmar reichte gerade dem Bettler den Käse, als dessen anderer Arm unter dem Umhang hervorschoss und Otmars Arm mit eisernem Griff umfasste. Erschrocken ließ dieser den Käse fallen, doch er konnte sich nicht aus dem Griff des Alten befreien. Der Mönch zog Otmar zu sich hinab, bis ihre beiden Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren. Der Mönch starrte ihn unentwegt an und sprach mit trockener, rauer Stimme:

„Otmar, der du suchst dein Heim,

weit gereist und nicht mehr fern,

dort wo einst die Römer lebten,

und nach Ruhm und Ehre strebten,

dort gilt es stark und tapfer sein,

und gefunden hast du dein Heim.“

Genauso plötzlich, wie er ihn gefasst hatte, ließ der Mönch den erschrockenen Jungbauern los und sank in sich zusammen. Otmar sprang zurück und schaute sich um, doch keiner hatte den Vorfall gesehen und er schüttelte verwirrt den Kopf. Hatte er denn alles nur geträumt? Doch nein, sein Arm zeigte schon die ersten blauen Stellen und schmerzte heftig. Wieder schaute er sich nach dem Mönch um, doch dieser saß noch genauso da wie vorher – nur der Käse war verschwunden. Noch immer zittrig ging Otmar in das Gasthaus, setzte sich an einen der freien, grob gezimmerten Tische und bestellte sich einen Met – einen gewürzten Honigwein –, für welchen das Bliestal berühmt war. Als der Wirt, ein fülliger Mann mit Glatze und Schnauzbart, den Met brachte, hielt er diesen am Ärmel fest und fragte:

„Wer ist denn der Alte vor eurer Tür?“

„Ihr meint den Mönch? Der sitzt schon seit einigen Wochen da, spricht nichts und tut nichts. Nur einmal hat er einen jungen Burschen mit einem Reim total erschrocken“, entgegnete da der Gastwirt und runzelte die Stirn.

„Lasst mal überlegen … mmh … ach ja, der ging glaube ich so:

Hey Bursche schau mir in mein blindes Gesicht,

nein du bist anders, du bist es nicht.“

Der Gastwirt schüttelte den Kopf und wischte mit einem Tuch über den schmuddeligen Tisch, ohne diesen wirklich sauberer zu machen, bevor er sich kopfschüttelnd abwand und beim Weggehen murmelte:

„Der Mönch ist, wenn ihr mich fragt, irre, wird Zeit, dass er weiterzieht.“

Otmar trank aus, legte ein kleines Geldstück auf den Tisch und verließ das Gasthaus. Der Mönch saß noch immer an der Mauer vor der Tür und starrte mit seinen blinden Augen in die Ferne. Otmar war fast schon an ihm vorbei, da hörte er ihn kichernd sagen:

„Eine Aufgabe ist zu bestehen,

100 Schritte sind zu gehen,

ein Zauber ist zu besiegen,

das Herz muss hier obsiegen,

dann in die Erde muss ein Stein,

dort wird stehen alsbald dein Heim.“

Otmar atmete tief durch und schaute zu dem Mönch zurück, der zu ihm aufsah und wild sabbernd laut losgackerte:

„Selbst wenn alles dir gelingt,

aus t wird i, die Zeit es verschlingt.“

Otmar wurde es nun zu viel und wutschnaubend ging er zu seiner Kutsche hinüber, wo Christel Jakob gerade stillte.

„So ein verrückter Alter“, schimpfte er vor sich hin, „sitzt da am Gasthaus und belästigt die Leute.“

Christel blickte auf und sah ihren Gatten fragend an.

„Wen meinst du denn, hier ist niemand!“

Otmar blickte auf und sah gerade noch, wie der Mönch in einem hellen Licht im Rundbogen der nächsten Straßeneinmündung verschwand. Nur eine abgenagte Käserinde an dem Platz, an dem er gesessen hatte, ließ ihn glauben, dass dies alles kein Traum gewesen war.

Er lenkte, immer noch verwirrt, seinen braven Ackergaul die nächste Steige hinauf und war froh, möglichst viel Weg zwischen sich und den unheimlichen Mönch zu bringen. Christel bemerkte von all dem nichts und legte den nun satten Jakob in sein Weidenkörbchen, wo er trotz des Gerumpels des Wagens direkt einschlief.

Christel nahm einen Apfel aus einem anderen Korb und biss genüsslich hinein.

„Mmh, lecker“, sagte sie mit vollem Mund, „willst du auch einen? Die habe ich eben auf dem Markt gekauft.“

Otmar schüttelte tief in Gedanken versunken nur den Kopf, antwortete aber ansonsten nicht.

„Ach Otmar, sei doch nicht so griesgrämig, vielleicht finden wir ja an der alten Römersiedlung unser Glück, die liegt ja auf unserem Weg und …“

„Die was?“, schreckte Otmar aus seiner Grübelei hoch.

„Die Römersiedlung“, entgegnete Christel nun ihrerseits erschrocken. „Ich dachte, du hättest im Gasthaus davon gehört?“

Der Jungbauer wurde blass und wiederholte leise den Vers, welchen ihm der Mönch vorgesagt hatte und der sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.

„Otmar, der du suchst dein Heim,

weit gereist und nicht mehr fern,

dort wo einst die Römer lebten,

und nach Ruhm und Ehre strebten,

dort gilt es stark und tapfer sein,

und gefunden hast du dein Heim.“

Otmar blickte auf und zum ersten Mal seit ihrer Abreise aus Speyer sah seine Frau ihren Mann wieder lächeln, so wie zu der Zeit, als sie beide jungverliebt auf des Vaters Hof umhertollten.

„Christel, ich weiß, wo wir hinmüssen, ich weiß jetzt, wo unser Heim stehen soll“, brach es aus dem nun über das ganze Gesicht strahlenden Otmar heraus. Doch gleich darauf erlosch dieses Strahlen auf seinem Gesicht und er versank wieder ins Grübeln.

„Tja“, so dachte er, „wenn der erste Vers stimmen sollte, dann wohl auch der zweite mit den drei Aufgaben. Was die wohl sein werden?“

Christel runzelte die Stirn und betrachte ihren Gatten:

„Ach Gatte“, dachte sie, „wenn du nur endlich deinen Frieden und dein Heim finden würdest, ich wäre mit allem einverstanden.“

Seufzend wandte sie sich ab und betrachte den Weg vor ihnen, der sich in langen Schleifen den Berg, von der Blies weg, hinauf in eine unbekannte Zukunft, zog.

Ein Tag war nunmehr seit dem rätselhaften Treffen mit dem Mönch vergangen, als sie an einer Kreuzung auf einen fahrenden Händler trafen.

„Hallo“, grüßte dieser freundlich, „wo wollt ihr denn hin?“

Otmar blickte den Händler an und befand, dass dieser gut gekleidete, freundlich und offen wirkende Mann wohl eine Antwort verdient hatte:

„Wir wollen zur alten Römersiedlung, welche am Rande des Weges liegen soll.“

„Oh“, entgegnete da der Händler, „da fährt aber niemand gerne hin; die Römersiedlung ist total zerstört und Schätze gibt’s da keine mehr zu finden.“

„Ich bin auch nicht auf der Schatzsuche. Ich bin Bauer und suche fruchtbares Land“, entgegnete ihm Otmar ernst.

„Nichts für ungut“, wiegelte da der Händler ab, „das Land war bis vor einiger Zeit das beste weit und breit, doch seit zwei Jahren blüht dort nichts mehr und die Pflanzen verdorren – als würde ein Fluch darauf liegen. Aber vielleicht sind es auch nur die Sumpftrolle, die alles zerstören.“

„Sumpftrolle, ein Fluch …“ Christel schrie auf und zerrte Otmar am Ärmel. „Ich will, dass wir sofort zurückfahren.“

Otmar schaute zuerst den Händler und gleich darauf Christel resigniert an, bevor er kaum hörbar flüsterte:

„Wir fahren weiter! Ich muss weiterfahren, um mein Heim zu gewinnen.“

So trennten sie sich wieder vom Händler und Otmar setzte seinen Weg unbeirrt fort, während Christel schluchzend im Wagen verschwand und schützend ihren Sohn Jakob aus der Wiege nahm und an sich drückte.

Der Weg, der, nachdem sie die lange Steigung von der Blies hinauf hinter sich gebracht hatten, geraume Zeit fast eben verlief, ging nun abwärts und eröffnete den Blick auf ein ödes Land. Überall waren die Anzeichen des kürzlichen Verfalls zu sehen und einstmals stolze Obstbäume standen grau und krank auf den gelblichen Wiesen. Kein Schmetterling war zu sehen und das Summen der Bienen oder Zwitschern der Vögel fehlte gänzlich. Bei diesem Anblick verstummte sogar Christel und mit Schreck geweiteten Augen starrte sie das kranke Land an.

Otmar holte tief Luft und trieb das widerwillige Pferd an, in diese verlassene Welt hineinzugehen – hin zu einem schwarzen übelriechenden Sumpf, der unweit des Weges begann und das ganze Tal mit seinem dunklen Einfluss im Griff zu halten schien.

Trotz der frühen Stunde – die Sonne hatte ihren Zenit kaum überschritten – schien es immer dunkler zu werden, je näher sie dem Sumpf kamen, und als sie die Mitte des Sumpfes erreicht hatten, weigerte sich ihr treues Pferd, auch nur einen weiteren Schritt zu tun. Verunsichert stieg Otmar von seinem Kutschbock und schaute zu dem düsteren, nebligen Sumpf hinüber. Bleischwer lasteten die Nebelbänke auf dem Sumpf und die allumfassende Stille legte sich auf die Seele wie ein schwerer, nasser Mantel.

Gebannt lauschte er in die Stille hinein und da hörte er, wie ein Wispern an seinem Ohr, den Hauch eines Rufes. Jemand rief nach ihm, kannte ihn beim Namen und je mehr Otmar sich auf diese Stimme konzentrierte, umso genauer verstand er deren Botschaft:

„Otmar, komm zu mir, ich brauche deine Hilfe“, sagte sie.

Eindeutig war es eine Frau, die ihn rief. Nicht befehlend, nicht flehend, eher wie eine sachliche Bitte um Hilfe. Doch gerade das Fehlen von Emotion machte diese Bitte umso dringlicher und zog Otmar in einen Sog, aus welchem er sich nicht mehr befreien konnte. Entsetzt verfolgte Christel mit, wie ihr Mann mit geneigtem Kopf und angespannter Miene in den Sumpf hineinhorchte und angestrengt lauschte. Da ging plötzlich ein Ruck durch ihn und mit steifen Gliedern, immer noch lauschend, bewegte er sich auf den Sumpf zu. Christels Schrei verhallte lautlos in dem Tal und konnte Otmar nicht erreichen. War es erst ein zögerliches Ziehen, wurde es nunmehr zu einem Zerren an Otmars Seele und er fing an zu laufen, wohl wissend, dass sein Ziel auch sein Verhängnis sein könnte. Erst die nassen Beine, der kalte, zähe Schlamm und der bestialische Gestank nach Tod und Verderbnis ließen ihn wieder zu Verstand kommen, doch war er nunmehr bereits tief in den Sumpf vorgedrungen und hatte die Orientierung verloren. Mit seiner Benommenheit war auch die Gedankenstimme verschwunden und er stand unentschlossen und ängstlich im schlierigen Wasser des Sumpfs. Er dachte angestrengt nach, wie er sich und bestimmt auch seine Seele retten könnte, als er nunmehr die Stimme real hörte:

„Otmar, nunmehr bist du fast am Ende deines Weges angekommen, errette mich und ich zeige dir dein Heim.“

Erschrocken fuhr er herum, in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sah ein Licht in dem Schatten der Vergänglichkeit des Sumpfes – es schimmerte grün, golden, rot und war das Sinnbild des Lebens an diesem Ort. Otmar versuchte mehr zu erkennen und als die Farben ihren wirren Tanz beendet hatten, sah er die Frau – eine Frau gekleidet in grünen Blättern, mit weizenblondem Haar und Augen, in denen sich die Farben des Bachlaufs in den unterschiedlichsten Blautönen einen Wettstreit lieferten. Diese Frau als schön zu bezeichnen wäre so ungenügend wie einen Diamanten als Kiesel zu bezeichnen.

„Wer … wer… bist du?“, brachte Otmar stotternd heraus.

„Ich bin die Grüne Lady dieses Landes, Otmar, und bin seit vielen Monden Gefangene der Sumpftrolle und warte auf dich – auf dich, der mich retten soll“, antwortete die Lichtgestalt mit heller Stimme, und ein Hauch von Maiglöckchenduft wehte durch den Sumpf.

Erst da wurde Otmar der dunklen Stränge gewahr, welche aus dem Sumpf herauswuchsen und wie eine entstellte Umarmung die Taille und Brust der Schönen umfingen. Otmar geriet nun in Wut. Wie konnte jemand es wagen, dieser Schönheit so etwas anzutun? Und er eilte auf die Grüne Lady zu. Kaum noch zehn Schritte trennten ihn von der Gefangenen, als sich das brackige Sumpfwasser zu bewegen begann. Erstaunt blieb Otmar stehen und beobachtete das Wasser, das an zwei Stellen immer schnellere Strudel bildete, aus welchen große Blasen entwichen, die mit schmatzenden Geräuschen in der Luft zerplatzten und einen bestialischen Gestank entließen. Otmar blickte wie gelähmt auf diese Stellen, da schossen auch schon zwei Sumpftrolle aus der Tiefe des Morasts – triefend mit Modder und totem Gras bedeckt standen sie nun vor ihm. Die übergroßen Köpfe der fast zwei Meter großen und vor Kraft strotzenden Trolle waren eine Karikatur eines Menschen-Bären-Kopfs mit überlanger Hundeschnauze.

„Wensch habensch wirsch dennsch dasch“, zischte der erste Troll.

„Dasch Fresschen isch dasch“, fauchte der zweite Troll und ließ ein weiteres Zischen vernehmen, welches ein Lachen hätte sein können.

Otmar stand noch immer da und war wie betäubt – was sollte er nur tun? Er hatte keine Waffen, war alleine und stand diesen Sumpfmonstern gegenüber. Schon überbrückte der erste Troll den Abstand zwischen ihnen mit einem großen Schritt, packte ihn an der Jacke und riss ihn aus dem Sumpf in die Höhe, um ihn an sich heranzuziehen und an ihm zu schnuppern.

„Dersch rischt gutsch“, zischte er, und seine schwarze Zunge fuhr über seine gelben fauligen Zähne. „Dersch isch meinsch“, rief er dann zu dem zweiten Troll hinüber, der nun auch herankam.

„Neinsch meinsch“, schrie da der zweite Troll und gab dem ersten einen heftigen Schlag vor die Brust. Worauf dieser Otmar losließ und nach hinten gegen einen Baum stolperte. Benommen setzte sich Otmar auf und betrachtete die beiden Streithähne.

Otmar verfolgte den Streit der beiden, als ihm eine irre Idee durch den Kopf schoss und er todesmutig den zweiten Troll anschrie: „Nein, ich will nicht von dir Trollbaby gefressen werden.“ Und er zeigte wild fuchtelnd mit der Hand auf den angesprochenen Troll. „Es stimmt, was er hier“, jetzt zeigte er auf den ersten Troll, „jedem Wanderer erzählt. Er ist der starke Troll und du nur ein Schwächling. Sei froh, dass er sich um dich kümmert, du … du Kümmerling!“

Beide Trolle schauten sich verwirrt an und bevor sich der erste Troll noch von seinem Sturz erholt hatte, stand schon der zweite über ihm und hieb ihm einen riesigen Fels auf den Kopf. Immer wieder ließ er den Stein herabsausen, bis das hohle Dröhnen einem lauten, knackenden Geräusch wich und der erste Troll tot zur Seite sank.

„Isch binsch der schtärkschte Trollsch“, schrie daraufhin der Sieger durch den Sumpf und fiel schnaufend vor Anstrengung auf die Knie.

„Sosch Kerlsch, jetzsch fresssch isch disch“, keuchte er und kam wackelnd auf die Beine.

Otmar suchte in seinen Taschen – doch er war Bauer, kein Krieger – und alles, was er fand, war eine Hand voll Weizen. Der Troll war nun wieder sicher auf den Beinen und schritt gemächlich auf den jungen Mann zu.

„Vertrau auf die Grüne Lady und die Kraft der Natur und des Wachsens“, hörte er die Gedankenstimme der Lady wieder in seinem Kopf und noch bevor der Troll ihn erreichte, schleuderte Otmar ihm die Handvoll Weizen in die gierige Fratze. Verwundert blieb der Troll stehen und fing an zu lachen.

„Willscht dusch misch mitsch Steinschen tötschen?“, grölte er los.

Doch da schoss ein heller Lichtpfeil von der gefangenen Grünen Lady hinüber zu dem Troll und der Samen begann im Gesicht des Trolls aufzugehen, wuchs rasend schnell heran und zog seine Energie aus dem Troll. Schreiend wand sich dieser auf dem Boden, während sein Kopf immer kleiner wurde und das Korn wuchs und wuchs. Schon waren die Ähren voll ausgebildet und der Troll konnte nur noch wimmern. Nun waren die Ähren goldgelb und leuchteten im Licht der Lady, der Troll aber sank tot zusammen, aufgezehrt von der Saat des Bauern.

Otmar atmete tief durch und spürte mehr noch, als das er sah, dass die Grüne Lady hinter ihm stand. Warm strahlte sie und ihr Atem roch nach frisch gemähtem Gras und Flieder. Nun fühlte er, wie sie ihre Hand auf seine Schulter legte, leicht wie ein Schmetterling, und ein wohliger Schauer durchlief seinen Körper. Langsam drehte er sich um und schaute in den Frühling, nein, den Sommer, nein, alle Jahreszeiten lagen in diesem Gesicht, in jeder Facette ihrer Schönheit und in einer zeitlosen Anmut des immer wiederkehrenden Lebens. Die Lady legte nun die Arme um Otmars Hals und ihre Lippen näherten sich den seinen. Noch nie hatte Ottmar solche Lippen gesehen, noch weniger gekostet. Jeder Kuss schmeckte anders, erst nach Kirsche, dann nach Erdbeere, nun nach Roter Bete …s o viele himmlische Küsse.

Langsam verlor sich Otmar in dieser Umarmung und wurde eins mit diesem himmlischen Geschöpf. Doch wie zuvor auf dem Weg, erreichte ihn nun eine Stimme, doch nicht die der Grünen Lady – nein, diese war rauer, bodenständiger, aber umso vertrauter. Er versuchte sich zu erinnern, forschte in seiner Seele und fand Bilder – Bilder, die zu dieser Stimme gehörten. Es waren Emotionsbilder. Bilder der Liebe, der Zuneigung, des Vertrauens und der Ergebenheit. Und da, ein Bildblitz eines Jungen mit blondem Haar und funkelnden Augen – Jakob. Genau – Jakob, sein Sohn und Christel, seine Frau. Langsam und widerstrebend löste sich Otmar aus dem Zauber der Grünen Lady und immer mehr Bilder kehrten zurück. Zärtlich schob er die Grüne Lady zurück und schaute in ihre blauen Augen, die nun leuchteten wie Sterne in einem dunklen Waldsee.

„Ich danke euch für dieses Geschenk, Grüne Lady“, seufzte Otmar leise, „aber ich habe schon ein höheres Glück gefunden, welches am Rande des Sumpfes sehnsüchtig auf meine Rückkehr wartet.“

Die Grüne Lady schmunzelte und bezaubernde Grübchen zeichneten sich in ihrem elfenhaften Gesicht ab.

„Ich danke dir, mein Lieber“, sang sie leise in sein Ohr, „für meine Befreiung und deine Küsse … Kehre zurück, finde dein Heim, und die Grüne Lady wird über dein Heim wachen.“ Sie löste sich nun vollends aus seiner Umarmung und verschwand im Zwielicht des Sumpfes.

Christel konnte es kaum fassen, als sie Otmar aus dem Sumpf kommen sah. Nicht zu beschreiben die Ängste, die sie ausgestanden hatte, als das Geschrei im Sumpf begann und, noch schlimmer, die darauffolgende Stille. Die Stille, in der sie das Gefühl hatte, etwas wollte ihr Otmar aus dem Herzen saugen. Doch mit einem Schlag, als wäre das Band, was Otmar von ihr fernhielt, gerissen, war Otmar wieder an seinem Platz in ihrem Herzen und er füllte diesen Platz mehr denn je aus.

Christel sprang vom Kutschbock hinunter und eilte ihrem Mann entgegen, der sie wortlos in die Arme schloss und fest drückte. So eng umschlungen bemerkten beide nicht die grüne Gestalt, welche den Weg hinunter zur Römersiedlung zog und in deren Umkreis die Bäume wieder erstarkten und die Wiesen wieder zu grünen begannen. Erst als eine Amsel auf dem Baum neben der Kutsche zu singen anfing und Jakob im Körbchen zufrieden zu glucksen begann, lösten sich die beiden voneinander und blickten auf das fruchtbare Tal und die grünen Hänge.

„So, meine Liebste“, rief darauf Otmar, „lass uns nun unsere Heimstatt in diesem Land finden.“

Lachend kletterten sie auf den Kutschbock und bereitwillig zog ihr Pferd ihre Kutsche weiter ins Tal hinab.

Während Christel nach Jakob schaute, ließ sich Otmar nochmals den Vers des alten Mönchs durch den Kopf gehen:

Eine Aufgabe ist zu bestehen, 100 Schritte sind zu gehen.

„Das waren dann wohl die Trolle gewesen“, überlegte Otmar.

Ein Zauber ist zu besiegen, das Herz muss hier obsiegen.

„Tja, und das war wohl der Zauber der Grünen Lady“, schmunzelte Otmar und beschloss in diesem Moment, Christel diesen Teil seines Abenteuers erst viel, viel später zu erzählen.

Dann in die Erde muss ein Stein, dort wird stehen alsbald dein Heim.

„Mmh“, grummelte Otmar, „was wird das wohl bedeuten?“

In diesen Gedanken versunken merkte er zunächst gar nicht, dass sie sich einer alten Ruine näherten – sie hatten die Römersiedlung erreicht. Otmar lenkte seine Kutsche in die Siedlung hinein, bis er wenig später auf einer leichten Anhöhe immer mehr an Tempo verlor und fast zum Stehen kam. Er ließ die Peitsche knallen und das Pferd zog ruckartig an, um nur wenig später mit einem krachenden Geräusch umso plötzlicher zum Stehen gezwungen zu werden. Die Kutsche hob sich dabei an und schwankte, bevor sie mit Deichselbruch zu Boden krachte. Erschrocken schrie Christel auf und befreite sich aus den umgefallenen Körben, während Jakob vor Freude quietschte.

Als sich Christel endlich befreit hatte und aus der Kutsche blickte, sah sie Otmar neben der Kutsche liegen und zärtlich den Grund ihres Unfalls streicheln – einen riesigen Stein, welcher aus dem Wegrand ragte.

„Christel, das ist unser Stein, wir sind endlich daheim“, schrie er mit lachender, aber tränenerstickter Stimme. „Wir sind daheim!“

Und so baute Otmar an dieser Stelle seinen Bauernhof und verwendete seinen Heimstein als einen Eckstein seines Hofes. Seinen Hof nannte er Otmars Heim und schrieb diesen Namen stolz auf ein Schild und stellte dieses an der Straße auf. Schnell sprach sich herum, dass Otmars Heim ein idyllisches Fleckchen Erde war und alles, was dort angebaut wurde, aufs Wunderlichste gedieh. Die Zeit verging und das Schild verwitterte immer mehr und so kam es, dass der erste Priester, der sich hier niederließ, diese Siedlung als Oimersheim in den kirchlichen Dokumenten vermerkte. Weitere Jahrhunderte gingen ins Land und Otmar und seine Geschichte gerieten in Vergessenheit, bis sich auch die letzte Prophezeiung des blinden Mönches erfüllte:

„Selbst wenn alles dir gelingt, aus t wird i, die Zeit es verschlingt.“

Und so wurde zu guter Letzt aus Otmars Heim erst Oimersheim und dann Ommersheim.

Die Grüne Lady allerdings hielt ihr Wort und wacht auch heute noch über die Ommersheimer. Und setzt man sich still auf eine Wiese, schließt die Augen und öffnet sich der Natur, so kann man sie oft an sich vorbeiziehen spüren, mit ihrem Versprechen auf Frühling, Wärme und Frieden. Ist man darüber hinaus noch ein junger Bursche, so kann es aber auch passieren, dass man mit einem fruchtigen Geschmack auf den Lippen erwacht und nur noch ein entferntes Lachen bezeugt, dass die Grüne Lady vorbeigezogen ist.